Bevor ich den Boden unter den Füßen verlor

An der Grenze zwischen Erde und Meer, dort wo Wasser und Land aufeinandertreffen, am Ende des zweiten Schöpfungstages sozusagen, tummeln sich seit Jahrmillionen Algen und ähnliches pflanzliches Gestrüpp. Je nach den Launen des Wassers und der Winde verkrallen sie sich ineinander und verfestigern sich zu undurchdringbaren Teppichen oder werden zerzaust, um sich an anderen Orten wiederaufzubauen. Dieses Grundelement der permanenten Veränderung wollte Zahornicky festhalten. Auf hochauflösendem Film nahm er sonderbare Algenlandschaften in ihren verschiedensten Ausprägungen auf und verfremdete sie teilweise mit Hilfe der Ausbelichtung durch Laserprint. Die Pflanzen, in einem zufälligen Zustand festgehalten, waren nun versteinert und formten nach ihrer - durch die Fotografie ausgelösten - Metamorphose fiktive Geographische Gebiete: zerfurchte Küsten- und Wüstenlandschaften, vulkanisch dampfende Gesteinsmassive, nebelverhangene Geröllhalden, verlassene Seengebiete und zerklüftete Panoramen.

Die entstandenen Landschaftsbilder erscheinen aus der Vogelperspektive aufgenommen, wie etwas verschlissene Flugaugnahmen, Fernseh- oder Satellitenbildern gleich, die bereits um die halbe Welt gingen. "Meine Bilder sind keine Flugaufnahmen aus großer Höhe, sie sind nur wenige Meter über dem Boden entstanden. Sie suggerieren dennoch den Eindruck des Fliegens und Schwebens", sagt Zahornicky - und meint dabei fliehen. Fliehen als Form des Distanznehmens von den realen Gegebenheiten dieser Welt.

Indem aber der Künstler im Festhalten der Zuständlichkeit kleinster Seinseinheiten - im konkreten Fall primitivster Einzeller - neue Dimensioinen, neue Welten, neue Landschaften erzeugt, etwas eigenständiges kreiert, vollzieht er einen Schöpfungsakt, einen in seiner ursprünglichen Bedeutung zutiefst künstlerischen, und dokumentiert dabei eine ungemeine Zärtlichkeit im Umgang mit dem Material, Ehrfurcht vor der zur Gestaltung vorliegenden Materie Erde - terraforming eben.

[Fenster schließen]