Gehörte Bilder

 

Sie müssen es nicht für Musik halten,

wenn dieser Ausdruck Sie schockiert.

John Cage

 

Das vielgestaltige, auf den Medien Photographie und Sprache/Text basierende Werk von Robert Zahornicky, impliziert seit den 1990er Jahren eine Reihe von Arbeiten, die sich mit akustischen Phänomenen und ihren bildnerischen Möglichkeiten auseinandersetzen. Dabei tangieren sich essentielle Fragen zu Visuellem und Akustischem ebenso wie Aspekte einer Synästhesie, Kontrapunktion oder einer Amalgamierung von Bild und Ton. Weit über einen medienreflexiven Diskurs hinaus geht es in der künstlerischen Setzung der Werke immer wieder auch um gesellschaftsrelevante, ja politische Aspekte von (globaler) Kommunikation und (globalem) Network.

 

Wie sehr „photographische“ Themen wie Natur und Landschaft auch akustische Projekte prägen, zeigt das 1993 entstandene Ton-Stück „Alitheia“. Robert Zahornicky „photographiert“ akustisch einen langen Spaziergang entlang des Gaisbaches in Tirol. Dabei werden die Geräusche dieses kleinen Flusses in Echtzeit aufgezeichnet: Die Fließgeräusche des Wassers werde zu einem analogen Naturkonzert per se, welches durch verschiedene künstlerische Interventionen wie etwa Aufnahmerhythmik durch Distanzvariationen zum aufgenommenen Flussrauschen oder immer wieder auftauchende Gehgeräusche akzentuiert wird. Das akustische „Landschaftsbild“ eröffnet einen Imaginationsraum, der per se nicht nur visuelle Eindrücke evoziert, sondern auch Rückkoppelungen subjektiver Naturbilder der Zuhörer: Gerade angesichts unserer digitalen Medienkonservenwelten werden die analogen Naturlaute zu un-erhörten Ereignissen.

 

„Blind Photography“ betitelt der Künstler ein 2001 in New York entstandenes Ton-Werk. Wiedergegeben wird die Fahrt mit der U-Bahnlinie 2 von South Ferry bis zur 50. Straße. Es ist ein radikaler „Blickwechsel“: Nicht mehr Natur sondern urbane Zivilisation mit all ihren artifiziellen Geräuschen werden zu akustischen Themen. Es ist ein kontrapunktisches  Lärmkonzert zu „Alitheia“, welche zwei Hörcodes aufeinanderprallen lässt, wenn man die Arbeiten unmittelbar nacheinander rezipiert. Auch hier geht es um das Hören und Sehen als kulturelle Praxis, um Fragen nach der Natur von Visibilität und Akustizität und ihren gesellschaftlichen Brüchen.

 

„Take the A-Train“, ebenfalls von 2001 (gesendet 2008), ist eine Weiterentwicklung von „Blind Photography“. Auch hier geht es um die Echtzeitaufnahme einer Zugfahrt. Von der Liberty Avenue bis zur 125. Straße wird die akustische Szenerie während der Bahnfahrt zu einem urbanen Klangpanorama, inklusive der Stationsansagen und wiederkehrender Straßenmusik in den Stationen. Wie so oft im Werk von Robert Zahornicky gibt es als Background vielfältige historische Referenzen: Der Titel selbst bezieht sich auf ein Musikstück von Billy Strayhorn, welches dieser Duck Ellington 1939 widmete. Musikgeschichte – konkret Jazz – wird zu einem historischen Exkurs, mit dem Gegenwart und Historie akustisch verschmolzen werden.

 

Sprache und Text spielen bereits in den 1980er Jahren eine virulente Rolle im Werk des Künstlers. So inszeniert er in der Serie „Spuren der Vergangenheit“ von 1985 Personen mit Tageszeitungscovers und knüpft politisch an die Photographien von Entführten an, die als Beweis, dass sie noch leben, mit aktuellen Printmedien gezeigt werden. „11 Heads of Error“ (1993) verwebt in verschiedenen Sprachen Aufrufe von Amnesty International über politisch gefährdete Personen in diktatorischen Staaten. Die akustische Verschränkung von elf Aufrufen in den jeweiligen Originalsprachen ist ein eindringliches gesellschaftspolitisches Statement zur Globalität unserer Weltwahrnehmung. Mehr noch: Es ist eine appellative Intervention die zeigt, dass es kein Nichtwissen mehr über inhumane Zustände weltweit gibt und humane Verantwortung eine globale gesellschaftliche Anforderung globalisierter Welten ist.

 

Ab Ende der 1990er Jahre realisierte Robert Zahornicky mehrere Werkserien zum Thema Buch, Bibliothek, Text und damit zur Kommunikation generell. Geschredderte Texte wurden zu gebündelten Objekten, die nur mehr fragmentarisch Textpartikel und damit Inhalte preisgaben – eine kontrapunktische Arbeit des Ent-Sinnens von schriftlich kohärenten Sinntexten. Das Werk „26“ bearbeitet Telephonbücher als ehemals universelle, globale Informationsmittel. Als Teil der Installation von Telephonbüchern in der Österreichischen Nationalbliothek fand am 1. Oktober 2000 eine ORF-Kunstradiosendung in Ö1 statt, in der native speakers aus den jeweiligen Telephonbüchern zu jedem Buchstaben des Alphabetes eine Stadt auswählten und eine kurze, ineinander übergehende „Lesung“ machten. Das heute bereits fast historische Kommunikationsphänomen „Telephonbuch“ erfährt dabei den Status von Literatur, in der sich das telekommunikative Networking in eindringlicher Weise manifestiert.

 

Aber auch das Massenkommunikationsmittel „Bildgeschichte“ und ihre Texte werden zu akustischem Material für künstlerische Audio-Arbeiten. So werden die den Nudelprodukten des Unternehmens Birkel beigelegten Texte der seriellen Bildgeschichten „Die Welt von Morgen“ aus den 1950er und -60er Jahren zu akustischen retrospektiven „Future“-Welten. Die in Alben gefassten Sammelbilder werden angesichts unserer gegenwärtigen Weltbefindlichkeit zu unheimlichen Erzählungen fast absurden Charakters paradiesischer Gesellschaftszustände und -visionen, die angesichts gegenwärtiger High-Tech-Entwicklungen eine irritierende neue Aktualität implizieren. Das akustische Werk „Future Snacks“ von 1997 arbeitet mit den Texten im Inneren der Verpackungen von Glückskeksen. Rezipiert man sie parallel zur „Welt von Morgen“, so ist man im Kosmos einer Hyperkonsumgesellschaft, die Glück auf den Effekt des Konsumierens reduziert.

 

Medienbilder und Textbildwelten werden zu akustischen Imaginarien verschränkt, die, weit über „Hörbilder“ hinaus, komplexe Referenzräume bei Robert Zahornicky eröffnen. Wer kennt nicht das Verlangen, Visuelles zu Hören und Akustisches zu sehen? Und wer erinnert sich noch daran, dass es für kurze Zeit im Zusammenhang mit Photographien den Versuch gab, mittels Magnetstreifen auf der Rückseite der Bilder zeitgleich mit der Bildproduktion parallel dazu auch Akustisches festzuhalten? Heute mit unseren Handys und I-Phones eine Selbstverständlichkeit. Robert Zahornicky insistiert trotz aller visueller und bildlicher Referenzen auf die Autonomie des Akustischen, indem sie ihm neue künstlerische Räume und Möglichkeiten eröffnen (es sei hier nachdrücklich erwähnt: Robert Zahornicky ist auch Musiker, arbeitet immer wieder mit Bandformationen). Peter Zawrel, Tim Starl zitierend, schreibt vom „gedanklichen Flanieren an seinen Rändern (des Horizontes) ein intellektuelles Vergnügen bedeutet“, das den Künstler auszeichnet.

 

Wie immer es zu einigen der genannten Werke auch Installationen und herkömmliche Ausstellungen gab, waren doch die Präsentationen im inzwischen legendären und beeindruckenden österreichischen „Kunstradio“ substantielle Erweiterungen seiner künstlerischen Arbeiten – Hören ist nicht immer Sehen und vice versa, auch wenn die High-Tech-Medienindustrie energisch darauf hinarbeitet: Synästhesien bedürfen und benötigen ihre jeweiligen ästhetischen Eigenmächtigkeiten. Wir wollen mit allen Sinnen leben, nicht nur mit deren Melangierungen! Lange bevor der Begriff „cross-over“ in den späten 1990er Jahren etabliert wurde, war dies für Robert Zahornicky künstlerisches Selbstverständnis. Seine Arbeiten „gründen stets in einem philosophisch und philologisch fundierten, handwerklich soliden und nie den Bezug auf das Fotografische aus den Augen lassenden Forschen nach dem, what images return“, wie Peter Zawrel einmal schrieb.

 

Nach den Pionierjahren des „Kunstradios“ gibt es heute faszinierende und weit über das Künstlerische hinausgehende Auseinandersetzungen mit dem Phänomen des Akustischen etwa im Bereich der Stadtakustik.  Aber auch hier haben lange vor öffentlichen Debatten KünstlerInnen avancierte Positionen erarbeitet, die für den allgemeinen Akustik-Diskurs wegweisend waren und sind – sie waren die Sound- und Akustikpioniere, die schon sehr früh etwa für die Lärmverschmutzungen unserer Gegenwart, insbesondere unserer urbanen Lebensrealitäten sensibilisiert haben.

 

Carl Aigner

The Sight of Hearing

 

You do not need to call it music

if the term shocks you

John Cage

 

From the nineties onwards, Robert Zahornicky included in his multifaceted work based on the photographic, oral and textual media, a series of works dealing with acoustic phenomena and their possible presentation in visual terms. In so doing, he touches upon essential issues relating to both the visual and the acoustic, as well as aspects relating to synaesthesia, counterpoint or an amalgam of sight and sound. Extending far beyond a reflexive discourse on the media, his works and their artistic setting focus time and again on socially relevant, even political aspects of (global) communications and (global) networks.

 

The degree to which ‘photographic’ themes such as nature and the countryside leave their imprint on acoustic projects is apparent in the sound-piece Alitheia dating back to 1993. Robert Zahornicky took an ‘acoustic’ photograph of an extended walk along the banks of the Gaisbach, a brook in Tyrol. All the while he recorded in real time the sound of the small stream. The sound of the babbling brook as it flowed by morphs into an analogue open-air concert per se, accentuated by various artistic interventions such as shifts in the rhythm of the recording by varying the distance to the sound of the brook or repeatedly interspersing the sound of footsteps. The acoustic ‘landscape painting’ lends free rein to one’s imagination, evoked not only by visual impressions per se, but also via feedback of subjective perceptions of nature on the part of the listener. Thanks to our diet of digital media the analogue sounds of nature become unheard of events.

 

Blind Photography was the title the artist gave to an acoustic work that he created in New York in 2001: a rendition of a ride on the subway from South Ferry to 50th Street on the 2-train. It is a radical ‘change of view’; the acoustic themes are no longer nature, but urban civilisation with all its artificial noises. It is a concert of noise in counterpoint to Alitheia, which allows two acoustic codes to clash, if listened to in immediate succession. Once again you have sight and sound as the cultural practice, addressing the nature of visuality and acousticity - and their social fissuration.

 

Take the A-train, likewise dating back to 2001 (and broadcast in 2008), takes Blind Photography a step further. Here again is a recording of a subway journey in real time. From Liberty Avenue to125th Street, the acoustic scenery en route becomes a panorama of urban sounds, including train announcements and the buskers performing at various stops. As so often in the work of Robert Zahornicky, the background comprises a wealth of historical references. The title itself refers to a composition by Billy Strayhorn that he dedicated to Duke Ellington in 1939. The history of music – more precisely jazz – thus becomes an historic digression and acoustically fuses the present with the past.

 

As far back as the eighties, speech and text played a decisive role in the artist’s work. In his series Traces of the Past (1985), he portrays people holding front pages of daily newspapers, thereby establishing a political link to the pictures of abductees who, as proof of their still being alive, were depicted with a current newspaper held high11 Heads of Error (1993) mingles in various languages appeals proclaimed by Amnesty International in support of politically endangered persons in dictatorial states. The acoustic interleaving of eleven such appeals, each in the original language, is an emphatic socio-political statement as to the globality of our awareness of the world. In fact, it is something more: an appellative intervention demonstrating that people can no longer profess ignorance about inhumane conditions prevailing world wide, while humane responsibility is a global societal requirement in a globalised world.

 

From the late nineties onwards Robert Zahornicky realised a series of projects relating to books, libraries and texts – in brief, communications in general. Shredded texts became bundled objects that revealed only fragmentary snippets of meaning and content: a counterpoint to the work of stripping the sense from coherent written texts. In a text entitled 26, he treated telephone directories as erstwhile universal, global means of communication. As part of the Austrian National Library’s telephone directory installation, the Austrian Broadcasting Corporation (ORF) broadcast a cultural programme on ORF1, in which native speakers picked out a town from the respective directories for each letter of the alphabet and gave a brief and seamlessly merged ‘reading’.  Thus, the telephone directory, an almost historic communications phenomenon in our day and age, achieves literary status: a striking manifestation of telecommunications networking.

 

Even mass means of communication, such as comic strips and their texts, are used as acoustic material in artistic audio-works. The texts of the comic strip series entitled Tomorrow’s World, which in the fifties and sixties were stuffed into every box of Birkel’s pasta products, were turned into acoustic retrospective ‘future’ worlds. Given the current state of the world, the albums of collated strips depict uncanny tales of almost absurd character, the social conditions and visions bordering on the paradisiacal, which in the light of current developments in high technology lends them a new irritating topicality. The acoustic piece Future Snacks (1997) drew on the texts found in fortune cookies. Heard in parallel with Tomorrow’s World, one enters a cosmos of a hyperactive consumer society that reduces happiness to the effects of consumerism.

 

In the work of Robert Zahornicky, media images and the world of comic strips are interlaced to yield acoustic imaginaria that, extending far beyond pictures heard, open up complex referential spaces. Who does not know the urge to hear the visual and see the acoustic? Who can still remember the short-lived attempt in the realm of photography to capture the acoustic in tandem with the visual by applying magnetic strips to the back of photographs? Today, mobile phones and iPhones render this par for the course. Despite all the visual and pictorial references, Robert Zhornicky insists on the autonomy of the acoustic that opens up for him new artistic spaces and possibilities (at this juncture it should be stressed that Robert Zahornicky is also a musician and performs regularly with various bands and formations). Peter Zawrel, quoting Timm Starl, writes of ‘the intellectual pleasure derived from his wandering in thought along the edges’ (of the horizon) that is a characteristic trait of the artist.

 

Although installations and conventional exhibitions supplemented some of the works mentioned above, it was more the presentations in the legendary and impressive Austrian Kunstradio (art radio) made for a substantial extension of his artistic work – hearing is not always seeing and vice versa, despite the high-tech media industry’s vigorous endeavours in that direction. Synaesthesiae seek and need their respective forms of aesthetic autonomy. We wish to live in full awareness of all our senses – and not merely with blends and mixes of the same. Long before the concept ‘cross-over’ became an established term in the late nineties, Robert Zahornicky had already taken it for granted in his art. His works, as Peter Zawrel once wrote, ‘are rooted in research firmly grounded in philosophy, philology and solid craftsmanship that never loses sight of the link to the photographic in a quest for what the images return.’

 

After the pioneering years in Kunstradio, today one has intriguing disputes far transcending the purely artistic that address acoustic phenomena, for example in terms of urban sounds. But here again long before the public debate, artists had already adopted advanced positions that proved trailblazers in the general discourse on acoustics. They were the pioneers in the realm of sound and acoustics, who made us all aware of present-day noise pollution, more particularly the realities of our urban lives.

 

Carl Aigner / Translated by Peter Lillie

 

 

 

 

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