Fotogramme

 

Die Fotogramme Robert Zahornickys entwickeln sich klassisch; in Synthese mit dem auftreffenden Licht gestalten sich verschiedene Formen naturalistischer Ausgangsobjekte auf dem Fotopapier. Kein weiteres, fremdes Medium findet seinen Eingang in diesen Entstehungsprozess. Und doch werden auch hier immer wieder starke Reminiszenzen an die fotografischen Arbeiten des Künstlers spürbar.

 

Grundlage seiner Werke sind naturalistische Objekte wie Zweige, Blätter, oder einzelne Blüten, die Robert Zahornicky nach bestimmten Kriterien bewusst auswählt. Die daraus entstehenden Fotogramme sind als Serien zu lesen. Eine Reihe schwarzweißer und eine farbiger Arbeiten bilden je ein Arrangement. Im Falle der schwarzweißen Fotogramme wird jeweils eine Pflanze auf ein Blatt des Fotopapiers drapiert. Während des Belichtungsprozesses beginnt Zahornicky nun diesen pflanzlichen Gegenstand zu bewegen, leichte Verschiebungen oder Drehungen werden so im Fotogramm verewigt. Die dadurch entstandenen Manipulationen finden ihren Ausdruck in verschiedenen Bewegungselementen, die nun eine tiefenräumliche Staffelung des Objektes sichtbar machen.

 

Der Gegenstand wird durch den äußeren Eingriff entfremdet, und neue, am Originalobjekt nicht sichtbare Windungen und Linien entstehen. Dadurch  wird die Pflanze zum Objekt degradiert, das sich dem Kunst-Wollen des Künstlers zu unterwerfen hat. Losgelöst von seiner inhaltlichen Funktion muß dieses nun verschiedenen formal übergeordneten Kriterien entsprechen. Dabei wird gelegentlich auch eine Reduktion des pflanzlichen Gegenstandes in Kauf genommen, der bruchstückhaft und fragmentarisch wiedergegeben erscheinen kann. Lediglich eine vage Erkennbarkeit bleibt durch unser kollektives Gedächtnis bestehen. Obwohl der Betrachter das Original nicht kennt, erzeugt die Veränderung bei ihm doch eine gewisse Verunsicherung und Irritation. Die Loslösung des Objekts aus dem Kontext der Natur hat bereits  stattgefunden. Der Fokus richtet sich nun auf die Dekonstruktion. Zahornicky decodiert die Pflanzen gleichsam, entfremdet sie ihrem ursprünglichen Zusammenhang, und macht so aber auch eine neue Lesung möglich.

 

Die Drehungen und Wendungen simulieren zeitgleich eine neue Wirklichkeit. Bewegung suggeriert Wachstum, ein Prozess, der Pflanzen spezifisch ist, aber der hier lediglich durch den Künstler vorgegeben wird. Realität und Fiktion werden zu einer Einheit verdichtet. Wachsen bedeutet  aber auch Veränderung, simuliert einen zeitlichen Ablauf, wie dieser ebenso dem Medium des Films zu Eigen  ist. Gleichsam wie die einzelnen Sequenzen eines Lichtfilms nehmen die Fotogramme Robert Zahornickys die temporären Abfolgen wahr, um diese alle zeitgleich wiederzugeben. Wie bei einem mehrfach belichteten Film sind die Abläufe nun übereinander projiziert, wodurch sowohl ein Einblick in Gegenwart, wie auch in die Vergangenheit erlaubt scheint. Dieser Moment wird durch die serielle Hängung von Zahornickys Werken noch verstärkt.

 

Durch die Wiedergabe der Bewegung bleiben bruchstückhafte Spuren des ursprünglichen Ausgangsobjekts sichtbar, werden als solche aber gleichzeitig bereits überlagert und sind so nicht wirklich mehr existent. Dabei hat das Objekt seine Präsenz an sich nicht eingebüßt, sondern diese vielmehr immer wieder dupliziert. Es erscheint verunklärt, ist entfremdet und entsteht als überarbeitetes Bild, oder genauer gesagt als Fotogramm - also das Gegenbild - neu.

 

Die Farbfotogramme Robert Zahornickys sind aus dem Kontext seiner Schwarz-Weißarbeiten herausgelöst. Als Objekte fungierten in verschiedenen Konstellationen drapierte und arrangierte Blütenblätter, die, ähnlich einem snapshot, ausschnitthaft dargeboten werden. Trotz der formalen Klarheit ihrer Präsentation bleiben die Gegenstände nicht immer eindeutig lesbar. Erinnerung an Malerei wird wach, Assoziationen zu Bluttropfen keimen auf. Die durch das Licht zerklüfteten Ränder der einzelnen Blüten scheinen wie Farbtropfen zu verschwimmen, eine Verschmelzung mit dem Hinter- oder respektive Vordergrund findet statt.  Auch bei seinen Farbfotogrammen lässt uns Zahornicky über einiges im Unklaren, seine Arbeiten erschließen sich dem Betrachter nur langsam, lösen sich aber nie ganz auf.

 

Inge Nevole

 

Fotogramm 03 · 2001

 

Fotogramm 04 · 2001

 

AutopoiesisFotogramm 2 · 1990

 

AutopoiesisFotogramm 3 · 1990

 

01 · 1988

 

02 · 1988

 

Trennpola 2 · 2008

 

Trennpola 6 · 2008

 

O.T. 02 · 2019

 

O.T. 10 · 2019

 

Kosmos 1 · 2012

 

Kosmos 3 · 2012

 

Universum 1 · 1994

 

Universum 4 · 1994

 

Hochfotogramm 1 · 1998

 

Hochfotogramm 2 · 1998

 

Hochfotogramm 6 · 1998

Tristan und der molussische Torso

 

In den beiden Arbeiten „Tristan“ (1993) und „Der molussische Torso (1994) beschäftigt sich Zahornicky mit der menschlichen Figur. In diesen schwarz-weißen großformatigen Werken fällt besonders auf, dass in der Technik des Fotogramms im Vergleich zur Fotografie die Helligkeitswerte auf den Kopf gestellt sind: Körperhaftes erscheint hell und ephemer, das Licht dunkel. Der Künstler bildet seinen Sohn Tristan im Alter von sechs Jahren einmal angezogen und einmal nackt ab. Die Fotogramme „Der molussische Torso“ (1994) sind im Rahmen des gleichnamigen Projekts entstanden, zu dem 100 internationale Fotografinnen und Fotografen eingeladen wurden und das in einer Publikation mündete.¹ Der Titel geht zurück auf einen Roman des österreichischen Philosophen und Schriftstellers Günther Anders, der in einem seiner Romane Molussien als ein von einem totalitären System beherrschtes Land beschrieb. Im Zentrum des Kunstprojekts stand eine alte Kleiderpuppe, die in 100 verschiedenen Ausprägungen fotografisch inszeniert und in Szene gesetzt werden sollte. So, wie in Anders‘ Buch versucht wird Lüge und Wahrheit auf die Spur zu kommen, thematisiert Zahornicky in seinen Fotogrammen das Fragmentarische als autonomen Wert und einmal mehr den Wahrheitsanspruch der Methoden und Prozesse der Fototechnik.

 

Hartwig Knack

 

¹ Der Molussische Torso. Ein topographisches Photoprojekt. Konzept: Palme Richtex, Hrsg.: Verein zur Vörderung gesellschaftsbezogener Kunst, Ritter, Klagenfurt, 1994.

Tristan and The Molussian Torso

 

In two works Tristan (1993) and The Molussian Torso (1994) Zahornicky focuses on the human form. In the large black-and-white works, it becomes particularly apparent that in terms of the technique applied in photograms as distinct from that applied in photography, the brightness values are inverted: the corporeal appears bright and ephemeral, whereas light appears dark. Zahornicky depicts his six-year old son in two frames: in one he is dressed, in the other he is stark naked. The photograms entitled The Molussian Torso are part of the eponymous project, to which 100 international photographers were invited; a publication subsequently appeared.² The title derives from a work by Günther Anders, an Austrian philosopher and writer, who in one of his novels described Molussia as a country under totalitarian rule. At the core of the art project was an antiquated mannequin that was to be photographed with 100 assorted characteristics and displayed in an appropriate setting. Thus, just as Anders attempted to discern lies and truth in his book, Zahornicky’s photographs focus on the fragmental as an autonomous value - and in so doing, they question once more the claim to truth inherent in the methods and processes of photo technology.

 

 

Hartwig Knack / Translated by Peter Lillie

 

² The Molussian Torso: a topographical photo project. Concept: Palme Richtex, publisher; Association for the Promotion of socio-related art, Ritter, Klagenfurt, 1994.

 

Tristan, Fotogramm 1 · 1993

 

Tristan, Fotogramm 2 · 1993

 

Der molussische Torso 1 · 1994

 

Der molussische Torso 2 · 1994

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