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last update: 10. 11. 2017

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A garden of memories

In the mid-eighties, Christian Milovanoff, a French photographer, visited the Louvre to take pictures of fragments of the paintings on display. In each of the pictures, the excerpt includes part of the frame and the painted surface; on occasion they include the artist's signature or the label with the title of the work. Moreover, the fact that they are in black and white, the photographs detract from the very constituent essence of the work ­ its colour. The deconstruction in photographic terms of the museum and the artistic space compels the visitor to recall earlier visits to the gallery or reproductions published elsewhere. As a guide, the photographer identifies the paintings he has depicted.

Cinema posters work in an analogous manner. They invariably cite the title of the film, with the name of the director or leading actors shown in a small box mounted as a negative. Many of the actors are well known, others less so ­ but above all the scene depicted says nothing about the film itself. The imagination of the person looking at the poster is challenged; he or she has to think ahead and imagine what the plot might be. Concrete images are only possible once he or she has seen the film.

Robert Zahornicky goes one step further. In the spring of 2000 and later the following year, he took close-ups of individual plants in the Botanical Gardens in New York. The photographs are focused on the area immediately surrounding the name plate and they are so structured that the plates are always positioned in the lower right hand corner. The pictures thus take on the form of posters. Only the writing on the plate enables the reader to determine the plant; stalks, leaves and branches are of no help since on account of the time of year the plants are not in bloom and/or blossoms have not been included in the picture. It is only on reading the name of the plant that the reader is the able to conjure up a picture of the plant that he or she might have seen earlier. Since, however, we are dealing with the workings of nature, an ongoing and ever-changing process, the name of the plant points to its future appearance that has yet to develop and defies imagination.

Robert Zahornicky's picture rouses our imagination in a number of ways. Not all his pictures initiate a process of a retrospection and prospection ­ and hence the process of imagining the construction of a realistic or similar image. Many of the botanical names mean nothing to us as for want of broad botanical knowledge; we are not familiar with them. Thus, what we see fails to conjure up a picture. The images that we see lack life; we cannot ascribe them to the past or to the future.

Yet, in the course of viewing the fifty or so pictures, the viewer suddenly comes across titles that he or she associates with something completely different. Be it the name of a person one knows or a country one has visited ­ or the title of a film that one has seen. One rose for example bears the name "Wild at Heart". For a fleeting moment we leave the Botanical Gardens behind us as well as the motifs that the photographer has chosen ­ the pictures lose their form and the objects they depict their contours, initiating a process of introspection into the infinite realm of dreams. The very fact that photography with all its appearance of the real can lead us there is one of the most fascinating moments of the act of reading.

Timm Starl, 26. März 2002

Translated by Peter Lillie

Ein Garten der Erinnerung

Mitte der 1980er Jahre besucht der französische Fotograf Christian Milovanoff den Louvre in Paris, um Fragmente von Gemälden festzuhalten. Der Ausschnitt umfaßt jeweils einen Teil des Rahmens und der bemalten Fläche, manchmal enthält er eine Signatur des Künstlers oder das Etikett mit dem Titel des Werkes. Zudem nehmen die schwarzweißen Aufnahmen den Objekten ihre Farbigkeit, ein konstitutives Element des Malerischen. Die fotografische Dekonstruktion des musealen und künstlerischen Raumes verweist den Betrachter auf die eigene Erinnerung an frühere Besuche oder die gedruckte Wiedergabe in einer Publikation. Gleichsam zur Orientierung hat der Fotograf die Werke in seinen Bildtiteln identifiziert.

Auf analoge Weise operieren Aushangfotos, mit denen für den Besuch von Kinovorstellungen geworben wird. Auch sie nennen den Film, oftmals auch den Regisseur oder die Hauptdarsteller auf einer Art kleiner Tafel, die im Negativ des Fotos montiert worden ist. Manche Schauspieler wird man kennen, andere nicht, vor allem aber sagen die Szenen nichts über die Handlung des Films aus. Gefordert wird also wiederum die Phantasie des Betrachters, jedoch eine, die in die Zukunft gerichtet ist: auf etwas, das er sich bloß 'ausmalen' kann und das sich erst zu konkreten Bildern formen wird, wenn er der Vorführung des Streifens folgt.

Robert Zahornicky geht einen Schritt weiter. Im Frühjahr 2000 und Anfang 2001 fotografiert er im Botanischen Garten von Brooklyn in New York einzelne Gewächse in Nahsichten. Diese zeigen nur die unmittelbar um die Schrifttafeln liegenden Bereiche der Gewächse, und zwar dergestalt, daß die Tafel jeweils am rechten unteren Eck zu stehen kommt; so übernehmen die Abzüge die Form der Aushangfotos. Erst die Beschriftungen ermöglichen eine Bestimmung der Pflanzen, denn Stengel, Blätter und Geäst lassen eine solche meist nicht zu, weil aufgrund der Jahreszeit noch keine Blüten vorhanden sind beziehungsweise solche nicht im Bild aufscheinen. Aus der Schrift ersteht gleichsam das Bild, wie es der Betrachter aus einer früheren Ansicht im Gedächtnis verwahrt. Weil es sich aber um Erscheinungen der Natur handelt, die wachsen und sich ständig verändern, deutet der Name der Pflanze auch auf ein zukünftiges Aussehen, wie es sich erst entwickeln wird und das niemand erahnen kann.

Die Vorstellungskraft wird durch die Bilder von Robert Zahornicky in mehrere Richtungen angeregt. Denn nicht jede Aufnahme ermöglicht Rückblick und Vorausschau und damit die Konstruktion eines wirklichkeitsnahen, jedenfalls ähnlichen Gebildes in der Phantasie. Manche Namen sagen dem einen oder anderen nichts, weil ihm die bezeichneten Pflanzen unbekannt sind, so er nicht über breitere botanische Kenntnisse verfügt. Aus dem, was zu sehen ist, wird daher kein Bild erwachsen: Die sichtbaren Gegenstände erscheinen uns ohne Leben, weil wir ihnen weder Vergangenheit noch Zukunft zuordnen können.

Doch in der Folge dieser Serie von rund einem halben Hundert Aufnahmen stößt man ganz plötzlich auf Bezeichnungen, die ganz andersartige Assoziationen auslösen. Sei es der Name von Menschen, die man kennt, von Ländern, in die man gereist ist ­ oder Titel von Filmen, die man gesehen hat: "Wild at Heart" heißt beispielsweise eine Rose. Dann verlassen wir für einen Augenblick den Botanischen Garten, entfernen uns von den Motiven, die der Fotograf gewählt hat ­ die Bilder verlieren ihre Gestalt und die Dinge in ihnen ihre Konturen: Der Blick wendet sich nach innen in die unendlichen Gefilde der Träume. Daß Fotografien mit dem Anschein des Realen dorthin führen, gehört zu den faszinierenden Momenten ihrer Lektüre.

Timm Starl, 26. März 2002