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Universitätsbibliothek Klagenfurt
November 1998

Imagination,
Kommunikation,
Partizipation.

Wer am 12. Jänner 1999 zur "Ausstellungs"-Eröffnung von Robert Zahornicky in die Niederösterreichische Landesbibliothek nach St. Pölten kam, war im Lesesaal mit einer komplexen Situation konfrontiert, wie sie den BesucherInnen von Bibliotheken ansonsten nicht geboten wird; gehören Bibliotheksräume aufgrund ihrer notwendigen Funktionalität doch zu jenen Raumtypen, die weltweit gleich und auf der Basis des einmal über sie erworbenen Wissens benutzt werden können; so wie Bahnhöfe oder Telefonzellen.

Aus der Einladung ging hervor, daß es sich um eine Ausstellung handelte, die den Titel "catalogo" trägt. Empfänger, die nicht über die Information verfügten, daß es sich bei Robert Zahornicky um einen anerkannten Künstler handelt, konnten allenfalls aus dem Typus der Einladung schließen, daß es sich um eine Kunstausstellung handelte: Die Abbildung auf der Vorderseite zeigt ein billiges Holzregal voll mit fast gleichformatigen Büchern. Das Regal steht in einem Oberlichtsaal, der sich leicht als Lesesaal einer Bibliothek erkennen läßt, wodurch der Schluß nahe liegt, daß der Titel "catalogo" auf einen Bibliothekskatalog verweist. Das gewählte italienische Wort deutet auf einen gewissen internationalen Anspruch bei gleichzeitiger Wahrung einer regionalen Verständlichkeit hin, denn seine Schreibweise steht zwischen der deutschen und etwa einer englischen/französischen.

Bei genauerem Hinsehen erkennt man jedoch, daß es sich bei den Büchern nicht etwa um einen gebundenen Bibliothekskatalog handelt, sondern um Telefonbücher.

Zwei solcher Regale standen im Lesesaal der Landesbibliothek. Nun sind Lesesäle von Bibliotheken ja nicht unbedingt Orte, an denen üblicherweise Ausstellungen stattfinden. Unter Umständen ist ein solcher Ort ja auch gar nicht geeignet für eine Ausstellung irgendwelcher Dinge, bzw. ist so etwas gar nicht im Sinne seiner Betreiber und Benützer; ist die Bibliothek doch ein Ort der Sammlung - nämlich von Büchern -, des Studiums, der Konzentration, der Stille, und nichts soll davon ablenken. Der Besucher einer Bibliothek geht im Regelfall sehr gezielt an seine Arbeit, hat seine Zeit eingeteilt, vermeidet Ablenkungen und Irritationen. Andererseits ist ein Lesesaal unter Umständen auch ein Ort der Kommunikation zwischen Besuchern und Besucherinnen, die manches Mal störend ist, manchmal mehr oder weniger heimlich, im Regelfall jedoch mehr oder weniger streng verboten ist. Zudem ist eine öffentliche Bibliothek auch ein öffentlicher Ort, definiert einen öffentlichen Raum. Catalogo ist demnach eine Intervention in einem öffentlichen Raum. In der Presseaussendung wurde richtigerweise von einer "Installation" gesprochen; ausnahmsweise richtigerweise, denn kaum ein Fachbegriff wird im Geraune über die Kunst inflationärer und ratloser verwendet als dieser. Hier fand jedoch wirklich eine Installation im Sinne eines Einbaus, ja sogar im Sinne eines Anschlusses statt. Die Frage ist, was woran angeschlossen wurde. Jedenfalls ist festzuhalten, daß ausländische Telefonbücher im Regelfall nicht von Bibliotheken gesammelt werden.

Catalogo: Ohne Katalog ist eine Bibliothek ab einer bestimmten Größe ja nicht benutzbar, bzw. nur nach einem Zufallsprinzip. Ohne Katalog läßt sich in einer Bibliothek schmökern, aber nicht zielgerichtet suchen und finden. Die Zielge- richtetheit ist ein wesentliches Merkmal von Kommunikation. Außerdem ist der Ort, wo der Katalog in einer Bibliothek aufgestellt ist, ein wichtiger Ort der Kommunikation unter den Benützern. Dort ist Reden erlaubt, dort werden Bekanntschaften geschlossen, wenn zwei dasselbe suchen. Aber: Ist das alles nicht Vergangenheit, wenn es gar keine Orte mehr gibt, wo Zettelkataloge aufgestellt sind, wenn jeder und jede stattdessen vor einem Computerbildschirm sitzen?

Auch in der Niederösterreichischen Landesbibliothek gibt es keinen Zettelkatalog mehr, aber wenigstens für einen kurzen Zeitraum gab es den catalogo von Robert Zahornicky, quasi ein Kommunikations-Ersatzangebot für den sonst fehlenden Katalog im alten Sinn?

Mit den Telefonbüchern ist es ähnlich. Ich habe schon ziemlich lange in keinem Telefonbuch mehr geblättert, seitdem es weitaus bequemer ist, mit ein paar Tasten und Mausklicks die gewünschte Information und vielleicht sogar auch gleich das gewünschte Telefongespräch zu erhalten. Wie lange wird es also noch gedruckte Telefonbücher geben? Nicht nur im Internet wird sehr ernsthaft die Frage diskutiert, wie lange es noch gedruckte Bücher, Buchhandlungen und überhaupt Informationsvermittlung im Sinne Gutenbergs geben wird; also auch, wie lange es noch Bibliotheken im Sinne jener von Alexandria geben wird.

Ein amerikanischer Freund hat Robert Zahornicky im Verlauf seiner Recherche mitgeteilt, eine Sammlung aller US-amerikanischen Telefonbücher würde wohl an die 50 Tonnen ergeben, denn alleine für die Ferngespräche von Washington nach New York stünden an die dreihundert Telefongesellschaften zur Auswahl, alle mit eigenen Telefonbüchern verschiedener Telefonbuchverlage. Also her mit der CD-ROM und dem Internet!

Gehen wir zu den Fakten. In den Bibliotheken in St. Pölten und Klagenfurt waren 2150 Telefonbücher, das sind 60 Laufmeter mit über zwei Tonnen Gewicht, aus fast allen, sagen wir: vielen Staaten der Erde aufgestellt. Robert Zahornicky hat diese Bücher seit 1995 gesammelt. Viele wurden von der Österreichischen Post- und Fernmeldedienststelle zur Verfügung gestellt, viele konnten nur mühsam durch ausländische Vertretungen in Österreich oder österreichische im Ausland aufgetrieben werden. Die Recherche dieser Bücher, die dadurch hervorgerufene Kommunikation, die weitere Beteiligung der ausländischen Vertreter in Österreich als Besucher der Veranstaltungen, die mit dem Projekt verbunden sind, sind ein integraler Bestandteil des Projekts.

Beabsichtigt war auch eine weitere Intervention im Medienraum, der auch ein öffentlicher ist, nämlich in den 26 Regionalausgaben der Wochenzeitung "Niederösterreichische Nachrichten", in denen 26 verschiedene, nach dem Zufallsprinzip ausgewählte ausländische Telefonbuchseiten eingestreut werden sollten. Diese hätten, mit ihren zufällig entstandenen Rückseiten - 26 Kaleidoskope aus der Provinz, einander so ähnlich und voneinander so verschieden wie 26 Telefonbuchseiten aus dem globalen Dorf - eine eigene Publikation ergeben. So wären regionale Ereignisse mit einer reinen Information verknüpft worden , die Aufforderungscharakter besitzt; denn so ließe sich das auch interpretieren: Ruf' die Nummer, den Namen an, der dir auffällt, dann entsteht Kommunikation, dann entsteht möglicherweise ein Dialog, bildet sich ein Inhalt. Bedauerlicherweise ließ sich der Herausgeber von der ästhetischen Oberfläche des Projektes über dessen Inhalt täuschen, sodaß es nicht realisiert werden konnte.

Robert Zahornicky ist nicht der erste Künstler, der das Telefonbuch als Medium aufgreift, als Objekt, das er dekontextualisiert, in einen neuen Zusammenhang stellt, dem er als einer vernachlässigten historischen, soziologischen Quelle Aufmerksamkeit zukommen läßt. Er macht aber mehr aus dem Thema, er macht es zu einer Metapher. Jedoch muß ich dem Künstler widersprechen, wenn er in einem Text meint, sämtliche erhältliche Telefonbücher der Welt als künstliches Ensemble würden eine Simulation weltweiter Kommunikation vorstellen. Allenfalls täuschen sie die Möglichkeit einer derartigen Kommunikation vor, denn um sie zu aktivieren, benötigen wir erst funktionierende Telefonanschlüsse, Sprachkenntnisse und finanzielle Mittel, um zum Beispiel von St. Pölten nach China telefonieren zu können. Und es ist immer noch, auch wenn uns das aus einem eurozentristischen Blickwinkel nicht bewußt ist, ein großer Teil der Weltbevölkerung selbst von dieser uns so einfach erscheinenden Kommunikationstechnologie ausgeschlossen.

So gesehen, imgaginiert catalogo vielmehr eine Utopie von der absoluten Verfügbarkeit von Kommunikation, ihren technischen und menschlichen Voraussetzungen. Tatsächlich sind die aufgestellten Telefonbücher ohne gezielte Abfrage und die Möglichkeit, Kommunikation zu realisieren, wertlos. So gesehen, kann catalogo als Kritik an tatsächlicher Kommunikationspraxis gesehen werden, als eine Frage an die globale Bibliothek unseres Wissens, die immer größer aber damit nicht unbedingt leichter verfügbar wird, und als Metapher für die moderne Kunst schlechthin, die nicht mehr Aufgaben der Repräsentation und der Widerspiegelung erfüllen will, sondern ihren mimetischen Charakter zugunsten ihres dialogischen Charakters in den Hintergrund gekehrt hat. Wenn Kunstwerke schweigen, liegt das nicht an ihnen.

Peter Zawrel

NÖ Landesbibliothek
Jänner 1999

Imagination,
communication,
participation

All those who went to Robert Zahornicky's opening in the Provincial Library of Lower Austria in St. Poelten on 12 January 1999 found themselves confronted with a complex situation: far removed from the customary user:library interface. Given the need for functionality, libraries are used in the same manner the world over on the basis of knowledge acquired of their workings: on a par with railways stations or telephone booths.

As the invitation indicated, it was an exhibition entitled catalogo. Invitees who were unaware that Robert Zahornicky is an artist of repute could, however, conclude from the invitation that it was not an art exhibition. Moreover, the illustration on the invitation depicted roughly hewn wooden bookshelves bristling with books of uniform size. The shelves stood in a room with concealed lighting from above and was instantly recognisable as a reading room in a library. The obvious conclusion was that the title catalogo had something to do with a library catalogue. Choosing an Italian term hinted at an international dimension with regional susceptibilities as the manner of spelling is somewhat akin to both the German and English/French terms.

Two rows of shelves had been set up in the reading room of the Provincial Library. Admittedly reading rooms are hardly the place for exhibitions. Under certain circumstances a space of this kind is totally unsuited to exhibiting anything and the very concept runs counter to the perceptions of those running or using the library. A library is a collecting place - collecting books -, a place of study, concentration and peace and quiet: nothing is allowed to disrupt this process. Under normal circumstances people visiting a library go about their work in a very determined manner, carefully allotting their time, eschewing all distraction and irritants. On the other hand, a reading room is also a place of communication between the users. This in itself often constitutes a disruptive factor, frequently more of less covert and usually more or less strictly prohibited. Moreover, a public library is also a public place defined in terms of public space. The press release quite correctly termed the whole thing 'an installation'. This was an exception to the rule since in the general mumblings about art no term is used more indiscriminately or incongruously. In this instance, however, one was faced with an installation in the sense of an insertion, something possibly in-built and possibly an annexation of some kind. Here the question arose of what was being annexed to what. In any event it should be noted that libraries do not usually collect telephone directories from abroad.

Catalogo: without a catalogue a library above a certain size cannot be used, unless on the principle of serendipity. In the absence of a catalogue one can only browse through the library; specific research and location of material become impossible. This specificity is an essential feature of communication. Furthermore, the room housing the library catalogue is an important area for communication between the users. Talking is permitted, acquaintances are made by people in search of a common goal. But that is all probably long past in an age where card indexes are no longer used and everybody sits in front of a computer screen.

The Provincial Library in St. Poelten no longer disposes of a card index - but for a brief period at least, they had Robert Zahornicky's catalogo: a substitute for communication in the absence of a card index of old? Telephone directories have suffered a similar fate. For some time now I have not leafed through a telephone directory as it is much more convenient to retrieve the information you need by pressing a few buttons or clicking on a name - and possibly placing the call at the same time. How much longer will telephone directories be available in printed form? Not only in Internet is the debate raging over just how much longer we will have access to books, bookshops and the transmittal of information as conceived by Gutenberg. The question also arises as to how much longer we will have access to libraries in the Alexandrine tradition.

In the course of preparing the exhibition, Robert Zahornicky was told by an American friend that were he to collect all the telephone directories issued in the United Sates, he would have deal with a deadweight of 50 tons. For trunk calls between New York and Washington DC alone, some 300 telephone companies provide services - and each them issues their own directories under different logos. The way has been made clear for CD roms and Internet.

But back to the matter in hand. In the libraries in St. Poelten and Klagenfurt 2150 telephone directories were on display, equivalent to 60 linear metres and weighing in at two tons. They came from countries all over the world - or at least a large number of them. Robert Zahornicky has been busily collecting them since 1995. Many were provided by the Austrian PTT, others could only be secured with great effort through the good services of foreign missions in Austria or Austrian missions abroad. Research into the directories and the resultant communication, as well as the continued participation of foreign missions in Austria in their capacity as visitors to the events linked to the exhibition - all these are integral components of the project.

the original plan was to have an intervention of another kind in the media which also qualify as public space: to include in the 26 regional issues of the weekly 'Lower Austrian News' pages selected at random from 26 different foreign telephone directories. Together with the random recto pages, they would have constituted 26 kaleidoscopes from the province itself, very similar to yet so markedly different from the 26 pages taken from the telephone directories of the global village: a publication in its own right. In this way regional events would have been intermingled with pure information that presented a challenge. The reader could have interpreted it as a challenge to call up a conspicuous number or the name of a subscriber, thus giving rise to effective communication and possibly a dialogue of content. Misled by the aesthetics of the project, the publishers remained regrettably unconvinced as to its content - and thus it was not implemented.

Robert Zahornicky is not the first artist to use telephone directories as a medium and as objects which he then decontextualises by setting them in a new context to which he devotes renewed attention as a neglected historic sociological source. He makes more out of the subject; he makes it a metaphor. However, I have to take issue with the artist who in one article claimed that all the telephone directories of the world could be seen as a simulation of world-wide communication. Admittedly they do hint at the possibility of communicating on that scale. However, if one were to put it into effect, one would first need operative telephone links, linguistic skills and funds in order to be able to place a phone call to China from St. Poelten. Although from our Eurocentric viewpoint we may not be conscious of the fact, it cannot be disputed that a large proportion of the world's population is excluded from all this communication technology which we tend to take for granted.

Seen thus, catalogo is predicated on a utopia marked by the absolute availability of communication as well as its technical and human requirements. Indeed the telephone directories on show cannot be accessed and they offer no scope for communication; they thus have no intrinsic value. From this standpoint, catalogo can be seen as a criticism of current communication practices, as a question to the global library of all knowledge which is forever increasing, but not proving more easily accessible - and as a metaphor for modern art per se which does not aspire to fulfilling the tasks of representation and reflection, but has pushed its mimetic character into the background in favour of its dialogical character. When works of art are silent, they are not to blame.

Peter Zawrel

Translated by Peter Lillie