Lochkamera

 

Ich gehe als Flaneur getarnt - scheinbar ziellos - durch unbekannte Viertel, und dies: wo sonst, wenn nicht in Paris? Das soll nicht heißen, dass der Flaneur sich dem Müßiggang hingibt, er ist vielmehr auf der Suche. Er folgt den Windungen der Straßen, bemerkt Hinweisschilder und Leuchtschriften, sieht Schaufenster, erlebt den Raum und steigt in die Tiefen der Metro. Diesen Tiefen werde ich wieder entsteigen, um darüber hinaus spontan in Kontakt zu treten mit den Stilblüten urbanen Wachstums - wörtlich und im übertragenen Sinn gemeint. Ich bilde eine leicht zu übersehende Wirklichkeit, eine Welt der Momente, der Augenblicke und des Beiläufigen ab. Als Reisender erlebe ich schließlich die unterschiedlichen Motive nicht nach Kriterien interpersoneller Objektivität, sondern nach den aufgrund meiner Persönlichkeit vorgegebenen kognitiven und affektiven Wahrnehmungsmustern, welche an der Komplexität großstädtischer Dichte geschult wurden.

 

Erwin Parfy

Camera obscura

 

Pretending to stroll - apparently aimlessly - through unknown quarters - and where else, but in Paris. In that guise I do not stroll out of idleness; on the contrary, I am on a quest.  I follow the twists and turns of the streets; I take note of the signposts and neon lights, look into shop windows, absorb the space around me and descend into the depths of the metro. Once re-emerged from those depths, I come into spontaneous contact with the stylistic gaffes of urban growth - in both the literal and figurative sense. As a traveller I ultimately experience my surroundings not in terms of interpersonal objectivity, but rather in terms of cognitive and affective patterns of perception predetermined by my personality, which in turn have been moulded by the complexities of city confines.

 

Erwin Parfy / Translated by Peter Lillie

 

   Alle · C-Print, 20 x 30 cm

 

Valalta 1 · 2001

 

Crveni Otok · 2003

 

Rom 1 · 2005

 

Rovinj · 2001

 

Rue Rosniers · 2004

 

Montmarte · 2004

Hadikgasse

 

Zahornicky reiht sich ein in die Serie der Interieurs, indem er seine ehemalige Wohnung und sein Atelier in der Wiener Hadikgasse von vor 35 Jahren zeigt. Die traditionelle Malerstaffelei liefert ein beredtes Zeugnis dieses Wandels. Sie wird für Zahornickys heutige Arbeitsweise wohl kaum noch eine Relevanz darstellen.

 

Hartwig Knack

Hadikgasse

 

Zahornicky joins their ranks in the Interiors series, offering us a glimpse of his previous flat and studio in the Hadikgasse in Vienna some 35 years ago. The traditional easel bears eloquent witness to the process of change. It would bear hardly any relevance to Zahornicky's current method of working.

 

Erwin Parfy / Translated by Peter Lillie

 

   Alle · Gelatin silver print, 28,5 x 28,5 cm

 

Hadikgasse 2 · 1983

 

Hadikgasse 3 · 1983

 

Hadikgasse 4 · 1983

 

Hadikgasse 11 · 1983

 

Hadikgasse 12 · 1983

 

Hadikgasse 17 · 1983

I Am & Das Erbe

 

In unterschiedlichen Werken beschäftigt sich Zahornicky mit Zeichenkodierungen, die Zuordnungen von Buchstaben, Ziffern oder Symbolen erlauben. Dem Binärcode in den Arbeiten „I am!“ und „Am I?“ (1990), der für die Verarbeitung digitaler Informationen entwickelt wurde, stellt der Künstler prähistorische Zeichen gegenüber, die den Malereien der Höhle von Lascaux in Frankreich oder der Höhle Cueva del Castillo in Spanien entstammen. In diese Thematik gehört auch die Serie der großformatigen Fotos „Das Erbe“ (1989), in denen der Fotograf germanische Runen in den Mittelpunkt der Motive stellt. Beide Projekte wurden vom Künstler an Ausstellungsorten gezeigt, in die kein Sonnenlicht eindringen konnte. Die bewusst schlecht ausgeführte Fixierung der Fotos erklärt ihre malerische Anmutung. Zahornicky setzt sich bei letzterem Beispiel mit der Frage nach der Verwendbarkeit eines Zeichensystems auseinander, das während der NS-Zeit vereinnahmt wurde und in der heutigen öffentlichen Wahrnehmung als Erbe dieser dunklen Jahre meist negativ besetzt ist. Indem der Künstler Hand- und Fußabdrücke seines Sohnes Tristan in die Fotos integriert und Runen ausgewählt hat, die „positive Lebenswünsche implizieren: Ruhe, Heimat (Odil), Kraft (Dorn), Sonne, Sieg (Sig)“,¹ erklärt er kämpferisch die Aneignung der Zeichen durch den Nationalsozialismus für ungültig.

 

Hartwig Knack

 

¹ Carl Aigner, Das Erbe. Eine historio-symbolische Fotoarbeit von Robert Zahornicky.

In: Wiener Zeitung Extra, 11. 8. 1989

I Am & Legacy

 

In various works Zahornicky has busied himself with character encoding that permits a taxonomy of letters, numbers or symbols. In his works I am! and Am I?,  he contrasts the binary code that is the foundation of all digital information with prehistoric symbols taken from the cave paintings in Lascaux in France or Cueva del Castillo in Spain. The series of large-format photos entitled Legacy (1989) are thematically related, with the photographer placing Germanic runes in the very centre of his motifs. Zahornicky exhibited both works in locations impenetrable to sunlight. The chromaticity of the black-and-white image is the result of intentionally bad photographic fixation. In the latter example, Zahornicky addresses the issue of the utility of a code system appropriated by the Nazis. Publicly perceived as a legacy of those dark years, it thus has mostly negative connotations today. He integrates into the photos imprints of his son Tristan's hands and feet and selects runes that “imply positive desires of life such as peace, homeland (Odil), might and power (Dorn), sun, and victory (Sig)”.² In so doing, Zahornicky defiantly declares the appropriation of the signs by the National Socialists for null and void.

 

Hartwig Knack / Translated by Peter Lillie

 

² Carl Aigner. The Legacy. An historico-symbolic photographic work by Robert Zahornicky, In: Wiener Zeitung Extra, 11.8.1989

 

   Alle · Entwickleremulsion bei Tageslicht auf S/W RC-Papier, 158 x 195 cm

 

Am I? · 1990

 

Der Schamane · 1990

 

Fisch, Mann, Weib · 1990

 

I Am! · 1990

 

   Alle · Entwickleremulsion bei Tageslicht auf S/W RC-Papier, 250 x 102 cm

 

Das Erbe 1 · 1989

 

Das Erbe 2 · 1989

 

Das Erbe 3 · 1989

 

Installation Kunstlese, Kremsmünsterhof, Klosterneuburg · 1991

 

Installation Das Erbe, Luftbad, Wien · 1989

Jüdischer Friedhof in Währing

 

Der 1784 eröffnete Jüdische Friedhof Währing in Wien. Der Künstler fotografiert die Begräbnisstätte in den Jahren 1997 und 1998, als sein Verfall nach der Zwangsenteignung und teilweisen Zerstörung im 2. Weltkrieg schon weit fortgeschritten war. Die Israelitische Kultusgemeinde konnte sich die aufwändige Sanierung und Erhaltung des großen Areals, auf dem insgesamt etwa 30.000 Menschen bestattet wurden, nicht leisten, weil eine verpflichtende finanzielle Unterstützung der Republik Österreich ausblieb. Heute ist der verfallene Jüdische Friedhof längst geschlossen und nicht zuletzt deshalb zu einem Politikum geworden, da aufgrund rechtsradikaler Verwüstungen die Außenmauern des Friedhofes mit Glasscherben und Stacheldraht gesichert werden mussten.

 

Hartwig Knack

The Jewish cemetery in Währing

 

The Jewish cemetery in Währing dating back to 1784. Over a period of two years (1997-1998), the artist took pictures of the burial ground that was in an advanced state of decay and disrepair after its seizure and partial destruction during the Second World War. The Republic of Austria failed to honour its commitment to provide financial support; the post-war Jewish Community could not afford the extensive restoration and upkeep of the large site containing 30,000 graves. Today, the derelict Jewish cemetery has long been closed. It has thus become a contentious political issue as barbed wire and glass splinters have had to be used to secure the outer walls in order to prevent further devastation wrought by right-wing extremists.

 

Hartwig Knack / Translated by Peter Lillie

 

Währinger Friedhof 02, C-Print, Format variabel · 1997 - 1998

 

Währinger Friedhof 09, C-Print, Format variabel · 1997 - 1998

 

Währinger Friedhof 14, Gelatin silver print, Format variabel · 1997 - 1998

 

Währinger Friedhof 17, Gelatin silver print, Format variabel · 1997 - 1998

Marilyn revisited

 

In meiner Neuinterpretation Marilyn-typischer Posen berühre ich in meiner Arbeit Marilyn revisited 40 Jahre nach ihrem Tod den Mythos und überprüfe ihn am Heute. Diese Arbeiten bilden auch die Grundlage einer spannenden Serie von Foto-Überarbeitungen und Heliogravür-Auflagen, die Arnulf Rainer für die Galerie Hilger geschaffen hat.

 

Arnulf Rainer, Mappe Mythos Marilyn, 25,8 x 19,5 cm, Papierformat 53,5 x 38 cm, Edition Galerie Hilger · 2002

 

Marilyn revisited, Probestreifen, Gelatin silver prints, Originalformat 40 x 30 cm · 2002

Species

 

Gesichter von Models wie jenem von Tyra Banks sind mit einer schleimhaften Oberfläche versehen, die lediglich bestimmte Gesichtspartien ausspart. Nach einiger Zeit lösen sich die Grenzen auf und die Masse zerfliesst. Davor jedoch wird ein Zwischenzustand fotografisch festgehalten. Das manipulierte, entstellte Porträt lässt keine Aufschlüsse über das tatsächliche Antlitz oder Vermutungen über das innere Wesen zu. Gleichsam thematisiert diese Form des Anti-Porträts auch das fotografische Porträt als solches mit. Wie Susan Sonntag dargelegt hat, definiert der Mensch in der industrialisierten Welt seine Existenz via Bilder, die Bestandteile der Wirklichkeit werden, während primitive Völker Angst haben fotografiert zu werden, da ihrer Meinung nach ihnen dabei ein Teil ihrer Selbst und damit ihrer Wirklichkeit genommen wird. In unserem Kulturkreis hingegen brauchen wir eine Fülle von fotografierten Bildern, die alle zusammen uns einen Beweis unseres Daseins liefern.

 

Wenn Robert Zahornicky mittels dem Kinderspielmaterial "Slime" Portraitfotos herstellt, holt er damit gleichsam zu einem Schlag gegen unsere Bildergläubigkeit und den Wunsch nach dem schönen Schein aus. Der Vergänglichkeit von Bildern entspricht die materielle Vergänglichkeit der "Species", die lediglich für einen kurzen Zeitraum existieren, bevor sich ihre Materialität auflöst. Das Foto eines jeweiligen Zustandes liefert somit auch nur ein Bild eines überarbeiteten Bildes, dessen Ewigkeitsanspruch per se nutzlos erscheint. Fotografien von slime-bedeckten und überarbeiteten Gesichtern zeigen nicht mehr das Bild einer bestimmten Person, deren Existenz wir ständig neu und mit neuen Bildern bewiesen haben möchten, sondern bricht mit der Kette existenzieller Beweise. Der Bruch scheint auch insofern gelungen, als der schelmenhafte Umgang mit dem farbenprächtigen Spielzeugmaterial die Ernsthaftigkeit der Bildbetrachtung sofort hinterfragt.

 

Sabine Saschl

 

Species-#16,-Tyra-Banks · 1998

 

Species-#26,-Barbie · 1998

 

Species-#28,-Lady-Diana · 1998

zahor(at)zahor.net