Venus

 

Am Samstag, den 7. April 1984 um ca. 14 Uhr begann sich die Venus von Willendorf für ihre letzte Reise vorzubereiten.nach 75-jähriger Gefangenschaft wollte sie an ihren Heimatort zurückkehren. Kurz dachte sie an jenen Tag im Jahre 1908, an dem ihre Jahrtausende währende Ruhe plötzlich gestört wurde. Nun, sie musste es tun. Langsam schlich sie sich beim Wärter vorbei und schlüpfte mit hastenden Schritten ins nahe gelegene Grün. So irrte sie an diesem Aprilsamstag in der Großstadt herum. Am Sonntag endlich fand sie die Gelegenheit, bis zu ihrem Heimatort zu gelangen. Überglücklich fand sie ihr Zuhause. Nach einem kurzen Blick in die Umgebung begann sie rasch, sich ihre Ruhestätte zu schaufeln. Sie legte sich hinein und war eins mit der Erde.

 

Venus 01, Naurhistorisches Museum · 1984

 

Venus 02, Rathauspark · 1984

 

Venus 05, Naschmarkt · 1984

 

Venus 08, Aldros Pub · 1984

 

Venus 09, Hadikgasse · 1984

 

Venus 12, Mitterndorf · 1984

 

Venus 20, Willendorf · 1984

 

Venus 24, Willendorf · 1984

Der Schatz der Nibelungen

 

Dieser Text ist unterwegs entstanden. Im Gepäck befanden sich lediglich Papier, Schreibmaterialien und die Nibelungensage. Sie dienten jeweils für die Erinnerungsorte an so weit auseinander liegenden Stätten auf dem Weg der „Nibelungenstraße“. Eine Folge des Schreibens aus der Erinnerung – weit entfernt von den Zeiten der burgundischen Gesellschaft. In der Version um 1200 zieht die burgundische Gesellschaft von Worms nach Ungarn, wo Siegfrieds Witwe den König Etzel heiraten soll.

 

Die Nibelungen sind die Besitzer des Goldschatzes. Zahornicky ist der Besitzer einer Truhe mit Schätzen aus der Zivilisationszeit, die mit Fluch besetzt sind. Nachdenken über die Nibelungengeschichte kann man indes auch unabhängig vom zentralen Motiv. Es ist zweifelsohne so, je entfernter man sich davon aufhält, desto besser lassen sich diese menschlichen Schicksale nachvollziehen. Die Geschichte der Nibelungen und die Geschichte des alltäglichen Menschen werden zum Thema gemacht. So kann man eigentlich und jederzeit und überall beginnen. An die Stelle der ständigen Lektüre treten Beobachtungen, Gespräche, Erfahrungen und immer wieder das Nachsinnen darüber.

 

So anregend und augenöffnend die an die Nibelungensage anknüpfenden Vergleiche dann auch immer sein mögen, sie besitzen brisante Zukunftselemente. Dass jeder Leser der Fotogeschichte von Robert Zahornicky daran anschließend Überlegungen in Bezug auf seine eigene Welt und Weltanschauung stellt, gehört zum Schicksal einer künstlerischen Arbeit. Und je häufiger dies geschieht, desto eher hätte der Autor seine Absicht erreicht.

 

Und die Reise geht weiter. Die Truhe, die die Stätten der Historie gesehen, verweilt. Die Gedanken jedoch wandern. Für sie gibt es keine Grenzen.

 

Leopold Kogler

 

Der Schatz · 1988

 

Nibelungen 01 · 1988

 

Nibelungen 04 · 1988

 

Nibelungen 06 · 1988

 

Nibelungen 09 · 1988

Carnuntum – Carnac

 

Erde zur Erde. Assoziationen zu Begräbnisriten werden angesprochen, wenn man den Ablauf der Aktion betrachtet, die Robert Zahornicky photographisch dokumentiert hat. Erde aus Carnuntum wird in die Erde von Carnac vergraben und die Erde von Carnac wird in Carnuntum mit der dortigen Erde vermischt. Im Ansatz war das gemeint als Versöhnung verschiedener, einander widersprechender, beziehungsweise auch bekämpfender Kulturen. Dort die archaische Megalithkultur, der Volksstamm der Kelten; hier eine zivilisatorische Hochkultur, von Rom aus Europa in den Besitz nehmend. beide haben diesen Boden irgendwann als den ihren bezeichnet, beherrscht und nach Zeiten vielfältiger Wirrnisse von anderen abgelöst. Es blieben die Relikte der vergangenen Mächte. Versöhnung also post mortem, denn im Untergang sind alle gleich.

 

Robert Zahornicky nimmt Verbindung auf mit all diesen Stufen der Entwicklung. Er vergräbt Vergangenheit in Vergangenheit und bedeckt sie wieder mit Gegenwart. Die Zukunft harrt der Auferstehung entgegen – wenn die Gegenwart begraben wird.

 

Franz Xaver Schmid

 

Carnuntum 03 · 1982

 

Carnuntum 04 · 1982

 

Carnuntum 05 · 1982

 

Carnuntum 06 · 1982

 

Carnuntum 07 · 1982

 

Carnuntum 08 · 1982

 

Carnuntum 10 · 1982

 

Carnuntum 13 · 1982

Zeit - Spuren

 

Diese Aktion basiert auf der unterschiedlichen Veränderung einer Person durch die Zeit und der Veränderung eines Polaroid-Fotos in einem Element. Es werden zunächst zwei Portraits angefertigt: Eines bleibt ein Jahr lang an der Luft hängen, der Witterung ausgesetzt, das andere befindet sich ein Jahr lang in der Erde. Ein Jahr später wird das dritte Foto vom Gesicht dieses Menschen angefertigt. Auch in seinem Gesicht wird eine Veränderung stattgefunden haben. Die Zeit hinterlässt ihre Spur im Gesicht des Menschen; die Elemente Luft und Erde wiederum hinterlassen Spuren auf dem fotografischen Abbild. Das Foto an der Luft wird sich anders verändern als das Foto in der Erde und der Mensch verändert sich durch den Prozess des Alterns. Die heute fotografierten Personen werden gebeten, sich in einem Jahr wieder hier einzufinden, um ein Abbild ihrer Person nach einem Jahr machen zu können. Sie werden extra dazu eingeladen.

 

1. Aktion · Mai 1985

 

2. Aktion · Mai 1986

 

Ana Schey

 

Johannes Faber

 

Wolfgang Düll

Burntime

 

In der ansteigenden Wiese ist ein Schriftzug auszunehmen. Durch die Abdeckung der Grasnabe mit übermannshohen, aus Holzplatten geschnittenen Buchstaben wurde seit dem Frühling das Wachstum gezielt unterbunden und das bedeutungsschwangere Wort „Burntime“ als Negativform auf die Erde gebannt. Die Assoziationen, zu denen es auffordert, sind vielfältiger Natur, ihr Auswahl bleibt ganz dem individuellen Geschmack der Betrachter überlassen. Ob sie an die positive Kraft der Sonne denken oder den an sich global zunehmenden verstärkenden Treibhauseffekt, sich an die vor kurzem abgeschlossenen Atomversuche auf unserer Antipode gemahnt fühlen oder an Sonnenbrand, ob sie die Generierung des seltsamen Schriftbildes reflektieren oder über den alles umgestaltenden und damit alte Wunden wieder einebnenden Lauf der Zeit philosophieren, jede Dechiffrierung ist möglich, eine implizite Aussage aber unmissverständlich: Die mit einfachsten Mitteln realisierte Zeichensetzung, die sich der Natur selbst einschreibt, negiert den Glauben an die dinghafte Präsenz künstlerische Schöpfung und beschränkt sich auf gezielte Eingriffe ins Gegebene, auf dessen effektvolle Inszenierung zum ästhetischen Sinnbild.

 

Edith Almhofer im Katalog „Kunst in der Landschaft III“

 

Burntime · 1996

Arte Sella

 

Im Rahmen der Teilnahme 1992 an dem internationalen Nature Art Symposium „Arte Sella“ im Val di Sella bei Trient in Südtirol entwickelte Zahornicky zwei Werke die als Prozesskunst konzipiert wurden und durch Witterungseinflüsse längst wieder in den Zyklus der Natur eingegangen sind. Geblieben sind die Fotos der Installationen unter freiem Himmel, die unmittelbar nach der Realisation dem Wandel und Zerfall ausgesetzt waren.

 

Auf dem Kiesbett eines Baches, der in den Sommermonaten kein Wasser führt, positionierte der Künstler für die Arbeit „Zero assoluto“ aus Fertigrasen ausgestochene Ziffernfolgen, die auf historische Ereignisse, physikalische und astronomische Phänomene oder beispielsweise George Orwells Roman „1984“ verweisen. Die Besucher der Arte Sella konnten sich darüber informieren, dass -735 das Jahr der Gründung Roms markiert, dass 12756 den mittleren Durchmesser des Äquators in Kilometern definiert, dass die Ziffernfolge 666 im Okkultismus die Zahl des Antichristen bezeichnet oder dass O5 als Kürzel für die bedeutendste österreichische Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime steht. Aufgrund der alleinigen Nennung dieser Zahlen und ihrer ansprechenden Gestaltung in der Natur bringt der Künstler interessante Fakten, historische Ereignisse und kulturelle Errungenschaften ins Bewusstsein des Publikums.

 

Für die zweite Installation, „Archivio del dimenticato“, streute Zahornicky mittels Schablonen verschiedene Wörter aus Asche, die im Zusammenhang mit indigenen Völkern Südamerikas stehen, auf ein präpariertes Stück Waldboden. Mit dieser Bodenarbeit setzt sich der Künstler intensiv mit dem Schicksal von Volksgruppen wie den Nihamwo und Yanomami auseinander, die seit den 1970er Jahren durch Straßenbaumaßnahmen, Brandrodung und den Abbau von Bodenschätzen zunehmend ihrer Lebensgrundlagen beraubt wurden. Und wie diese alten Kulturen zusehends verschwinden, so lösen sich auch Zahornickys mit Asche geschriebene Namen sukzessive auf.

 

Hartwig Knack

Arte Sella

 

Within the framework of the international nature art symposium Arte Sella held in 1982 in the Val di Sella near Trento in Trentino-Alto Adige/South Tyrol. Zahornicky developed two works that he conceived as 'process art'; thanks to the prevailing weather conditions, they have long since become part of the natural cycle once more. All that remains are the photographs of the installations out in the open, immediately prior to their being exposed to the process of change and decay.

 

Zahornicky placed his first installation on the gravel bed of a stream that dries out each summer. Entitled Zero assoluto, it comprises a sequence of figures formed from turf, each combination referring to historic events, physical or astronomical phenomena or, for example, George Orwell's novel 1984. The visitors to the Arte Sella were able to find out for themselves that 735 was the year in which Rome was founded, 12,756 was the mean diameter of the equator in kilometres,  666 was the number given to the coming Antichrist in occultism or  O5 was the abbreviation for the most important Austrian resistance group against the Nazi regime. By simply spelling out those numbers and placing them in an appealing setting in the midst of nature, the artist heightened the general public's awareness of interesting facts, historic events and cultural achievements.

 

For his second installation Archivio del dimentcita, Zahornicky chose a carefully prepared site in the woods. He then used stencils to write various words in ashes that referenced the indigenous people of Latin America.  With this work at ground level, the artist addressed the fate that has befallen such ethnic groups as the Nihamwo and the Yanonmami, who since the seventies have been deprived of their livelihood and basic needs to an ever-increasing degrees by the intrusion of roads, slash-and-burn farming and the extraction of mineral resources. Just as the old cultures are seen to be fading away, so too are the names written by Zahornicky - one after the other.

 

Hartwig Knack / Translated by Peter Lillie

 

Arte Sella 1 · 1992

 

Arte Sella 2 · 1992

 

Sella 1 · 1992

 

Sella 4 · 1992

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